GK Ethnographien des Selbst in der Gegenwart

von links nach rechts: Michael Roth, Barbara Thums, Annabelle Schülein, Mirko Uhlig, Kirsten Flöter,
Kathrin Lohse, Lucas Sand, Lisa Keil

Projektaufriss

Gegenwärtige Formierungen des Selbst stehen in augenscheinlichem Zusammenhang mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters und veränderten Möglichkeiten der Selbstinszenierung in den Social Media. Damit einhergehend lassen sich neue Weisen des Lifestyles, der Ästhetisierung und Kultivierung der Existenz sowie neue, über Kulte und Rituale strukturierte Ich-Performanzen beobachten, die mit einer Entgrenzung von Heiligem und Profanem, von Religiösem und Säkularem in Verbindung zu stehen scheinen.

Mit Ethnographien des Selbst in der Gegenwart verbindet sich das Vorhaben, die Vielfalt an Praktiken und Traditionen der Subjektivierung und Selbstformung in der eigenen Kultur mit Blick auf Phänomene der Optimierung, Sakralisierung und Normierung zu analysieren. Angemessen lässt sich dies nur in einem fächerübergreifenden Austausch leisten. Die Fächer Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Systematische Theologie/Sozialethik und Kulturanthropologie/Volkskunde bieten sich hierfür in besonderer Weise an: Ihnen gemeinsam ist die Sensibilität für die ethischen und ästhetischen Dimensionen von Selbstinszenierungen sowie für die narrative Strukturiertheit von Formierungen des Selbst; ihnen gemeinsam ist außerdem die Hermeneutik als Auslegungs- und Verstehenspraxis zeichenhaft vermittelter Äußerungen und Handlungen. Einerseits soll die jeweilige fachkulturell-spezifische Ausprägung für den fächerübergreifenden Erkenntniszuwachs produktiv genutzt, andererseits das deutungswissenschaftliche Profil der JGU durch eine interdisziplinäre Hermeneutik und Narratologie nachhaltig geschärft werden.

Der Gegenstand: Optimierung – Sakralisierung – Normierung

Optimierung

Während klassische Disziplinargesellschaften ihre Subjekte durch kontrollierende Fremdbeobachtung regulierten, drängt sich mit Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft der Eindruck auf, man verlange den Menschen ab, sich eigenverantwortlich durch Selbstbeobachtung und -aufmerksamkeit zu formen. Exemplarisch sei das globale Phänomen der sogenannten Quantified-Self-Bewegung erwähnt, in dessen Rahmen professionelle Anbieter, Anwender und Entwickler organisiert sind. Der Literatur zufolge zielt dort der Erfahrungsaustausch mit Praktiken des Self-Tracking auf die Optimierung einer technisch unterstützten Selbstmotivation und Verhaltensänderung ab. Apps für das Smartphone, die als Hilfe gedacht sind, um den Tag zu analysieren und zu optimieren, ermöglichen es, Daten über die Ernährung, die tägliche Bewegung, den Schlaf, das Trinkverhalten oder die emotionale Stimmung zu erheben und passen historisch tradierte Konzepte der Diätetik, die auf die Selbstregulation eines harmonischen Körper-Seele-Verhältnisses zielen, an das Medienzeitalter an. Entsprechend leiten aktuelle Ratgeber nicht nur zur „äußeren“, sondern ebenso zur Optimierung der mentalen Fähigkeiten an. Hierher gehören augenscheinlich die momentanen Trends Achtsamkeit und Flow, welche darauf abheben, die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu fokussieren und an der Formierung eines Subjekts der Beratung teilhaben.

Sakralisierung

Die Aufladung der eigenen Lebensgeschichte durch eine religiöse Symbolik ist ebenso kennzeichnend wie die verschiedenen Formen gelebter Spiritualität: Dass Religiosität zur Selbsterhöhung genutzt werden kann, wusste bereits Martin Luther, gegenwärtig aber wird Spiritualität ganz explizit als Methode zur Selbstoptimierung angepriesen. Die quasi-religiöse Funktion einschließlich der für Religionen typischen Heilsversprechen, welche dieser Kultur der Selbstoptimierung eingeschrieben scheinen, wird im journalistischen Diskurs mit pejorativem Beigeschmack als Instrument gegen den „Schmerz des Alterns“ bezeichnet und letztlich als Indiz für die Sehnsucht nach „Unsterblichkeit“ verstanden. Diese einseitige Sicht auf Aneignungen ursprünglich religiös konnotierter Symbolisierungspraktiken muss durch eine ergebnisoffene Analyse aus theologie-, kultur- und literaturwissenschaftlicher Perspektive korrigiert werden.

Normierung

Arbeit an dem eigenen Selbst zu leisten, indem wir unser Selbst zu formen und zu optimieren bestrebt sind, scheint mittlerweile „die neue erste Bürgerpflicht“ zu sein. Welche Pflichten gegen andere erwachsen aber aus der neuen Fassung der Pflicht gegen sich selbst? Zur Debatte stehen mithin die sozialen Auswirkungen der oftmals bemängelten Normen und Werte der sogenannten Fitnesskultur und „Casting-Gesellschaft“, denen ein sozialer Zwang zu permanenter Selbstdarstellung und -vermarktung inhärent scheint. Im Fokus stehen etwa jene über „Influenencer“ wie Pamela Reif verbreiteten Vorstellungen von einem gelungenen Leben, das mit seiner Leistungs- und Gesundheitsorientierung auf rigiden Praktiken der körperlichen Disziplinierung und auf einer eher a-sozialen Form der Askese und Selbstaufmerksamkeit aufbaut. Zu fragen ist hier, ob die Bewertung der medial überformten Inszenierungen und Performanzen als neue Varianten des Narzissmus und Egoismus, der sozialen Kälte, des fehlenden Anstands und damit verbundenen defizitären Anerkennungsstrukturen auch einer differenzierten und moralphilosophisch sowie kultur- und literaturwissenschaftlich informierten Perspektive standhält.