Kathrin Lohse

Ethnographien des Selbst – Zum Verhältnis von Leib und Literatur in der Gegenwart

Betreuerin: Barbara Thums

Versteht man im Sinne der Kollegbeschreibung Ethnographien des Selbst als Frage nach den Formen und Verfahren der Verschriftlichung oder auch Fiktionalisierung des Ich, so stellt sich die Kategorie des Leibes als besonders geeignet dar, um eben diese Fragen zu beantworten: Der Leib, verstanden als Urinstrument, Urskript und Urinsignie, der gleichzeitig alles und sich selbst einsetzt, registriert und anzeigt , ist bei jeder Erfahrung immer schon mit dabei. Der Leib begegnet uns aber auch permanent und regelrecht im Übermaß, vor allem in den Sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook, und zwar als „ausgestellter, gestaltbarer und gestalteter, verfüg- und verführbarer“  Leib. Somit ist der Leib einerseits als absolutes Medium und Bedingung der Möglichkeit jeder Erfahrung und andererseits als kulturelles Medium, das analysiert werden kann, zu bestimmen und soll innerhalb des vorgestellten Dissertationsprojekts ins Zentrum der Analyse der Literatur der Gegenwart gestellt werden.

Für eine Analyse der Selbstdarstellung in der Gegenwartsliteratur rücken vorwiegend neue Felder einer medienwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft in den Fokus: So stellt sich die Frage, wie eben jene zu beobachtenden Selbstdarstellungen des Leibes in den Sozialen Netzwerken in Verbindung stehen können mit Darstellung des Leibes in der Literatur der Gegenwart und ob von einer Wechselwirkung zwischen einer Allgegenwärtigkeit der Medien in der Gegenwart  und der literarischen Transformation dieser Alltagskultur auszugehen ist. Das Dissertationsprojekt will sich demnach auch mit Fragen bezüglich der Prozesse der Wahrnehmung und ihrer Medialität sowie der Selbstaufmerksamkeit und -formung beschäftigen: Wie können medial bedingte Veränderungen, die sich sowohl auf der individuellen als auch gesellschaftlichen Ebene nachvollziehen lassen, in der Gegenwartsliteratur als Verschriftlichungen des Ich, d.h. des Leibes analysiert werden?

Das Projekt gliedert sich in zwei Teile: Im Fokus des ersten Teils stehen die phänomenologischen Arbeiten Maurice Merleau-Pontys, Bernhard Waldenfels sowie Jean-Luc Nancys, anhand derer ein Analysemodell erarbeitet werden soll, das sich mit den Kategorien der Affektivität des Leibes, der kinästhetischen Empfindung, dem Verhältnis von Leib und Sprache/Literatur sowie des Selbst- und Fremdbezugs beschäftigt. Der zweite Teil widmet sich ausgewählten Werken der Gegenwartsliteratur, die mithilfe der zuvor erarbeiteten Kategorien auf die oben skizzierten Fragestellungen hin untersucht werden. Die ausgewählten Werke sind Panikherz von Benjamin Stuckrad-Barre, Selbst von Thomas Meinecke und Die Salzweißen Augen – Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit von Dietmar Dath. Dabei rückt vor allem die vom Kolleg aufgeworfene Frage nach der Normierung als Strategie der Gegenwart in den Fokus der Analyse: Die hier aus-gewählten Werke der Gegenwartsliteratur eröffnen einen Blick auf den Leib, der die theoretischen Diskurse über Leib und Leiblichkeit erweitert, da in ihnen eben nicht der normierte und funktionierende Leib verhandelt wird, sondern sich diese Werke mit dem kranken, süchtigen Leib (Panik-herz), einem Post-Gender geprägten neuen Konzept von Sexualität (Selbst) sowie mit dem drastischen Leib (Die Salzweißen Augen) auseinandersetzen.

Kontakt: kalohse@uni-mainz.de