Kirsten Flöter

Von modernen Druiden, Hexen und Wahrsagern.
Spiritualität auf Mittelaltermärkten im Spannungsverhältnis von Unterhaltung, Konsum
und gelebter Überzeugung

Betreuer: Mirko Uhlig

Der Aspekt der Sakralisierung, im Sinne einer Aufladung alltäglicher Lebenspraxen und der eigenen Lebensgeschichte mit religiöser Symbolik, stellt nicht nur ein potentielles Arbeitsfeld für Vertreter/innen der Theologie dar, sondern bietet sich auch für die Kulturanthropologie/Volkskunde als Wissenschaft vom Alltag an. Unter dem Eindruck eines Bedeutungsrückgangs von Religion und dem Aufkommen neuer Formen von Religiosität wird in vorangegangen kultur- und sozialwissenschaftlichen Publikationen von „alternativer“ oder „populärer Spiritualität“ oder „populärer Religion“ gesprochen. Spiritualität als „persönliche Bezugnahme auf ‚Gott‘ oder gottähnliches Transzendentes“ (Knoblauch 2010, 20) ist zu einer medial häufig thematisierten kulturellen Bewegung avanciert, die sich in Form von Ratgebern oder Warenangeboten auf dem „Markt der Religionen“ (Zinser 1997) verbreitet.

Spirituelle Praktiken und „esoterisch“ konnotierte Waren lassen sich auch auf so genannten Mittelaltermärkten ausmachen. Tarot-Kartenlegen, ätherische Öle gegen negative Kräfte oder magische Amulette und Talismane gehören scheinbar zum festen Bestand dieser Märkte. Mit anderen Worten: Im Setting des imaginierten Mittelalters treten verschiedene spirituelle Formen nebeneinander (und teilweise vermischt) (halb-)öffentlich sowohl materiell als auch performativ in Erscheinung. Bislang fanden solche Phänomene in der Forschung nur wenig Beachtung. Vielmehr lag der Fokus auf dem Unterhaltungs- und Warenangebot von Mittelaltermärkten im Allgemeinen, welches nicht selten mit der Brille des Authentizitätsanspruchs untersucht wurde (vgl. zum Beispiel Hauser 2011). Das Promotionsprojekt möchte solchen einseitigen Betrachtungen ein differenziertes Bild des Untersuchungsgegenstands entgegenstellen und nach dem „Sitz im Leben“ der erforschten Phänomene fragen.

An dieser Stelle muss betont werden, dass es dabei nicht um eine moralische Bewertung individueller Weltdeutungskonzepte geht, sondern um eine Annäherung an die Wirklichkeit der Forschungspartner/innen im Sinne eines „methodologischen Agnostizismus“ (vgl. Knoblauch 1999). Eine solche Annäherung erfolgt, auf Grundlage ethnografischer Standards, im direkten Gespräch mit den Akteurinnen und Akteuren, beispielweise in Form von biografischen Interviews. Eine weitere probate Methode qualitativer Forschung stellt die teilnehmende Beobachtung dar, welche insbesondere in Bezug auf vollzogene Praktiken zu einem vertiefenden Verständnis des Forschungsgegenstands führen kann. Die Indienstnahme von Runenorakeln oder Behandlungsmethoden von Reiki-Praktizierenden ist ebenso Bestandteil des Feldaufenthalts wie eine Übernachtung auf Mittelaltermärkten. Denn nur mittels einer „dichten Teilnahme“ (vgl. Spittler 2001), welche das aktive Miterleben von Situationen beinhaltet, lassen sich diese in ihrer Komplexität erfassen. Zahlreiche Feldaufenthalte auf Mittelaltermärkten sind dafür unerlässlich.

erwähnte Literatur:

Hauser, Petra (2011). Die Angebotspalette auf Mittelaltermärkten. Ein Spiegelbild der Mittelalterrezeption in der Populärkultur? In: Rohr, Christian (Hg.). Alles heldenhaft, grausam und schmutzig? Mittelalterrezeption in der Populärkultur (325–332). Münster.
Knoblauch, Hubert (1999). Religionssoziologie. Berlin u.a.
Knoblauch, Hubert (2010). Populäre Spiritualität. In: Mohrmann, Ruth-E. (Hg.). Alternative Spiritualität heute (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, Bd. 114) (19–34). Münster u.a.
Spittler, Gerd (2001). Teilnehmende Beobachtung als Dichte Teilnahme. Zeitschrift für Ethnologie, 126, 1–25.
Zinser, Hartmut (1997). Der Markt der Religionen. München.

Kontakt: kfloeter@students.uni-mainz.de